Die Serie "Shameless": Exzess, Tristesse, das echte Leben!
Von Maximilian Schuller
South Side, Chicago: Strukturschwach, abgelegen und von der wohlhabenden Upper Class der bedeutendsten Metropole Illinois´ zutiefst verpönt. Hier wohnt die Familie Gallagher, eine irischstämmige siebenköpfige Familie, in einem stark sanierungsbedürftigen Einfamilienhaus.
Francis ("Frank") Gallagher ist als Vater von Fiona, Lip, Ian, Deborah, Carl und Liam verantwortlich für die Familie. Eigentlich.
Doch seit ihn seine Frau Monica verlassen hat, ist Frank dem Alkohol verfallen und misst dem Wohlergehen seiner Kinder keine allzu große Bedeutung mehr bei. Stattdessen sieht man ihn nicht selten im "Alibi Room", einer kleinen Bar im Zentrum der South Side, über das Leben und seine Ungerechtigkeiten schimpfen.
So kommt es, dass der tägliche Überlebenskampf der Gallaghers maßgeblich an seiner ältesten Tochter Fiona (Zum Serienstart 21 Jahre alt) hängenbleibt. Um die Familie Monat für Monat durch Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten und sich insbesondere um Deborah, Carl und Liam zu kümmern, hat Fiona auf einen höheren Schulabschluss verzichtet. Für ihre fünf Geschwister ist sie mehr Mutter denn große Schwester. Eine Rolle, die selbst eine robuste Einundzwanzigjährige wie Fiona nicht ausfüllen kann, niemals ausfüllen sollte. Oft versucht sie sich freizuschwimmen, selten klappt es.
Doch es ist genau diese Ambivalenz, welche die Serie ausmacht. Eine Ambivalenz, die sich widerspiegelt in Franks ältestem Sohn Lip, dem als Einzigem der Familie ernsthaft zugetraut wird, es ob seines außergewöhnlichen Intellektes aus der Tristesse der South Side herauszuschaffen. Als erster Gallagher macht Lip seinen High-School-Abschluss, als Familienerster schafft er es aufs College. Doch auch er ist gezeichnet von seiner schweren, elternlosen Kindheit, die er sich nicht einfach vom Leibe streifen kann. Und so sieht man den aufgeweckten, vielseitig Interessierten Lip sukzessive daran zerbrechen. Auch er wendet sich dem Alkohol zu und versucht das Unkompensierbare zu kompensieren. Er, der es mit am meisten verabscheut hat, dass sein Vater Frank seinerzeit - statt sich um die Familie zu kümmern - dem Rausch den Vorzug gab.
Das Resultat: Schlägereien, Gefängnisaufenthalte, Randale auf dem Collegeparkplatz und schließlich der College-Rausschmiss.
Auch an seinem jüngeren Bruder Ian lässt sich die Ambivalenz der Serie feststellen. In einer Umgebung, die von überbordender Maskulinität geprägt ist, entdeckt der sensible Ian seine eigene Homosexualität. Zugleich ist es indessen sein größter Wunsch, eines Tages der U.S. Army beizutreten. Ein Arbeitgeber, der gewiss nicht als erstes für Sensibilität steht. Darüber hinaus verliebt sich Ian schließlich ausgerechnet in Mickey Milkovich, einen berüchtigten South - Side- Straßenschläger, der seine Homosexualität aus Angst vor seinem gesellschaftlichen Standing sowie seinem gewalttätigen Elternhaus unbedingt geheim halten muss.
Neben Fiona, Lip und Ian, an denen sich in den ersten sieben Staffeln von Shameless die Ambivalenz der Serie am deutlichsten entzündet, sind es jedoch vor allem Momente des familiären Zusammenhaltes und tiefer Verbundenheit, die im Gedächtnis bleiben. Es ist diese Mixtur aus ungehemmter Sexualität und Romantik, aus Exzess und Tristesse, aus Fremdscham und Bewunderung, die diese so authentische Serie ausmacht.
Es ist das tiefe Mitgefühl, dass der Zuschauende mit den Protagonistinnen und Protagonisten empfindet; mit Fiona und ihrer geraubten Jugend, ihren begonnen Beziehungen, die stets aufs Neue an ihrem Verantwortungsgefühl für ihre kleinen Geschwister scheitern, das wie ein Damoklesschwert über ihr schwebt. Mit Lip, dessen Betäubungsdrang und Wut auf die Welt so nachvollziehbar, ja angesichts seiner Biografie geradezu rational sind. Mit Ian, der sich in den Wirren der Liebe verirrt. Einer Liebe, die er sich lange nicht eingestehen kann. Und ja, auch mit Frank Gallagher. Dem Vater der Kids, der er nie gewesen ist. Auch Franks wahrer Charakter, der sich aus einem prägenden Verlassenheitsgefühl herausgebildet hat, wird zwischen seinen dubiosen Plänen und rücksichtslosen Verhaltensweisen immer wieder sichtbar.
Es sind die South Side und seine Menschen. Dieses harte, aber doch in vielerlei Hinsicht so ehrliche, liebenswürdige Viertel im Schatten der Skyline von Chicago.
Es ist der tief verankerte Wunsch einer von der Gesellschaft vergessenen Familie, sich ihren Platz im Leben zu erkämpfen. Komme, was wolle. Oder, wie es Fiona selbst in der zwölften Folge der siebten Staffel zu ihrem Bruder Lip sagte:
"Wir sind Gallaghers. Wir fliegen auf die Fresse, aber wir stehen immer wieder auf."
Schlussanmerkung:
Danke an die Produzenten John Wells und Paul Abbott für sieben außergewöhnlich berührende Staffeln Shameless, die ich jedem und jeder Einzelnen von Euch wärmstens ans Herze legen kann.